Warum Ahnenarbeit wieder an Bedeutung gewinnt

Lesezeit: ~4 Minuten

Wenn ich erzähle, dass ich mich mit Ahnenarbeit beschäftige, reagieren manche Menschen mit Verwunderung oder Skepsis. Dabei war in vorchristlicher Zeit die Ahnenverehrung in Europa weit verbreitet – etwa bei den Germanen, Kelten, Slawen und Römern. Sie alle glaubten, dass die Geister der Verstorbenen Einfluss auf das Leben der Lebenden nehmen können und ehrten sie durch Rituale, Opfergaben und Feste.

Die Verbindung und die „Arbeit“ mit den Ahnen sind also keine neuen Konzepte. In Europa wurden viele dieser Praktiken allerdings mit der Christianisierung verdrängt oder in christliche Formen überführt – etwa in die Heiligenverehrung oder das Allerseelenfest.

Dass im deutschsprachigen Raum die Ahnenarbeit in letzter Zeit wieder mehr Beachtung erfährt, ist kein Zufall.

Die Rolle von Kriegskinder- und Kriegsenkel-Literatur

Ein zentraler Grund liegt in der wachsenden Auseinandersetzung mit den Folgen des Zweiten Weltkriegs – nicht nur auf gesellschaftlicher, sondern auch auf familiärer und individueller Ebene.

Seit den frühen 2000er-Jahren haben zahlreiche Schreibende begonnen, die seelischen Langzeitfolgen des Krieges zu erforschen. Bücher über „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“ haben ein neues Bewusstsein dafür geschaffen, wie tief die Traumata der Kriegsgenerationen in die nachfolgenden Generationen hineinwirken. Viele Menschen, die Krieg, Verfolgung, Vertreibung selbst nie erlebt haben, tragen Gefühle wie Schuld, Angst, Scham oder innere Leere in sich, die individuell nicht erklärbar sind. Diese Erkenntnisse haben viele dazu bewegt, sich intensiver mit ihrer Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Ahnenarbeit bietet hier einen Zugang, um diese „Erblasten“ zu erkennen, zu würdigen und zu transformieren.

Wissenschaftliche Bestätigung durch Epigenetik

Was lange intuitiv vermutet wurde, findet heute auch in der Wissenschaft Bestätigung. Die Epigenetik - ein junger Forschungszweig der Biologie, der untersucht, wie Umweltfaktoren die Aktivität unserer Gene beeinflussen, ohne die DNA selbst zu verändern - zeigt, dass traumatische Erlebnisse biologische Spuren hinterlassen können und diese Veränderungen sogar vererbt werden.

Auch wenn sicherlich noch viele Fragen offen sind, in der Epigenetik Forschung hat sich in den letzten Jahren viel getan. Ältere und aktuelle Studien zeigen eindrucksvoll, dass genetische Prägung und epigenetische Mechanismen entscheidend dazu beitragen, wie Trauma über Generationen hinweg weitergegeben wird. Die Erfahrungen unserer Vorfahren also sind nicht nur kulturell oder emotional präsent, sondern auch körperlich und genetisch wirksam. Diese Erkenntnisse machen Ahnenarbeit für viele Menschen nachvollziehbarer und zu mehr als einem spirituellen Weg.

Ahnenarbeit im Kollektiv

Während im deutschsprachigen Raum – insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland –lange Zeit über die Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg und die NS-Verbrechen geschwiegen wurde, wird heute durch vielfältige Maßnahmen versucht, die Erinnerung wachzuhalten. Die Frage, die wir uns aber stellen dürfen, ist, inwieweit eine echte Vergangenheitsaufarbeitung wirklich stattgefunden hat.

Außerdem war Mitteleuropa bereits vor dem Zweiten Weltkrieg von zahlreichen Kriegen, Hungersnöten, politischen und sozialen Umbrüchen betroffen. Es gab Verfolgungen und Vertreibungen. Und selbst die Leibeigenschaft wurde erst zwischen dem späten 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschafft.

All dies kann tiefgreifende traumatische Spuren hinterlassen haben. Und Ahnenarbeit bietet hier die Möglichkeit, nicht nur persönliche, sondern auch kollektive Wunden zu heilen.

Raum für neue Perspektiven und Hoffnung

In einer Zeit des Umbruchs, in der transgenerationale Traumata, kollektive Erinnerungen und epigenetische Erkenntnisse zunehmend ins Bewusstsein rücken, schafft die Ahnenarbeit einen Raum für Vergebung, für das Loslassen von Schuld, für Transformation und ein bewussteres Leben im Hier und Jetzt. Ahnenarbeit ist damit nicht nur ein individueller Weg, sondern auch ein kollektiver Beitrag zur Gestaltung einer erfüllten und friedlichen Zukunft, die sich viele von uns wünschen.

Zurück
Zurück

Ahnenarbeit entmystifiziert: Die sieben größten Irrtümer

Weiter
Weiter

Der Jahreskreis – Halt und Ausrichtung